03.06.2025 – Inklusion
Was bedeutet UN-BRK für mich und dich?
Seit über zehn Jahren gilt in der Schweiz die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Viele Jahre zuvor, im Dezember 2006, wurden in New York zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen die Menschenrechte für Menschen mit Behinderung verbindlich festgehalten. Und so schloss sich die Schweiz später der Konvention an und verpflichtet sich damit zu einer inklusiven Gesellschaft. Die Konvention sichert bürgerliche, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte – darunter das Recht auf Barrierefreiheit, eine selbstbestimmte Lebensführung und den Zugang zu Informationen.
Obwohl hierzulande die UN-BRK in der Zwischenzeit weitgehend bekannt ist, wird ihr Inhalt und die damit verbundenen Rechte und Pflichten nicht immer ausreichend verstanden. Mit verschiedenen Engagements setzt sich die Valida ein, diese mittels verschiedener Plattformen zu vermitteln, bekannt zu machen, vorzuleben.
Vor Kurzem fand in diesem Zusammenhang ein besonders toller Workshop für die Selbstvertretungs-Gruppe der Valida statt. Zu Besuch war das Team von SEGEL. SEGEL steht für Schwierige Entscheide – Gemeinsame Lösungen und ist ein Projekt der OST Ostschweizer Fachhochschule. Im Projekt erarbeitet ein Team von Menschen mit und ohne kognitiven Beeinträchtigungen Lösungen rund um das Thema Selbstbestimmung. Die schwierigen Entscheidungen beziehen sich insbesondere auf das Dilemma zwischen dem Recht auf möglichst grosse Selbstbestimmung und (Wahl-)Freiheit und der Pflicht zu Schutz und Fürsorge.
Das Team SEGEL besuchte die Selbstvertretungs-Gruppen der Valida für einen dreiteiligen Workshop zum Thema UN-BRK. Der erste Teil galt dem Thema «Wohnen», der zweite widmete sich dem Thema «Arbeit» und der dritte dem Thema «Bildung». Im Anschluss der Weiterbildung präsentierte SEGEL und die Selbstvertretungs-Gruppen ihr neu gewonnenes Wissen und Erkenntnisse vor vielen Interessierten in der Valida. Besonders spannend waren dabei auch die persönlichen Einblicke:
Wohnen gemäss UN-BRK
Die Wohnsituation wird selbst gewählt – ob alleine, in einer WG, in einem Wohnheim, auf dem Land oder in der Stadt. Zu jeder Wohnform gibt es ein passendes Angebot an individueller Unterstützung, wo Bedarf besteht. Beim Wohnen geht es nicht nur um die Infrastruktur, sondern auch um den so genannten Sozialraum. Dieser besteht aus der Nachbarschaft, aus dem Freizeitangebot, aus Mitgliedschaften, aus Tätigkeiten wie Einkaufen oder ÖV-Fahren. Der Sozialraum sollte ohne Hürden zugänglich sein.
Verschiedene Teilnehmende erzählen von ihrer Wohnsituation:
Heike:
- Wohnt alleine – aktuell noch in einer WG, zieht aber ganz bald um. Die Valida hat für sie eine Wohnung angemietet.
- Darf ihre beiden Katzen in die neue Wohnung mitnehmen.
- Sie mag es farbig in ihren vier Wänden und wünscht sich einen Pool.
- Die Valida begleitet sie weitere zwei Jahre, das gibt ihr Sicherheit.
Edith:
- Wohnt aktuell allein im ehemaligen Elternhaus mit einem Garten
- Ihr Wunsch wäre es, auf einer Alphütte zu wohnen
Markus:
- Wünscht sich eine Wohnung mit grossem Wohnzimmer, grosser Terrasse und mit einer Wiese davor.
- Er ist sich unsicher, ob er lieber alleine oder zweit wohnen möchte.
Arbeiten gemäss UN-BRK
Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung dürfen selbst entscheiden, wo und was sie arbeiten möchten. Sie dürfen nicht schlechter behandelt oder ausgeschlossen werden. Arbeitsplätze müssen barrierefrei und mit passenden Hilfsmitteln ausgestattet sein. Alle haben Anspruch auf faire Bezahlung. Auch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft und das Mitbestimmen stehen allen offen.
Urs und Stefan geben Einblick zu ihren Fähigkeiten und Einstellungen:
Urs:
- Das mag ich: Neues zu schaffen, meinen Arbeitsplatz einzurichten – so wie er mir gefällt, Pharmaprodukte vorzubereiten.
- Das ist mir wichtig: Der Austausch im Team, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, fairer und respektvoller Umgang untereinander, Teamarbeit
- Traumberuf: Bademeister
Stefan:
- Das mag ich: Teamarbeit, abwechslungsreiche Arbeiten
- Das ist mir wichtig: Austausch, Ehrlichkeit, Teamgeist
- Das kann ich gut: Gravieren, anderen Menschen Dinge erklären, zuverlässig arbeiten
- Traumberuf: Gravurkünstler – einmal bei einem Gravurmeister mitarbeiten.
Bildung gemäss UN-BRK
Kinder mit und ohne Behinderungen sollen gemeinsam zur Schule gehen können. Dafür muss Schule so gestaltet sein, dass sie für alle passt. Die Räume müssen barrierefrei sein, und es braucht passende Hilfsmittel – zum Beispiel Assistenzpersonen, Bücher in Braille-Schrift oder Lernmaterial in Gebärdensprache. So können alle Kinder gut lernen.
Auch Erwachsene mit Behinderungen sollen die Möglichkeit haben, weiterzulernen. Alle Lernorte – sei es eine Schule, ein Kursraum oder eine Weiterbildung – sollen für alle Menschen zugänglich und offen sein. Bildung ist ein Recht, das niemandem verwehrt werden darf.
Nicolas und Basil offenbaren ihre Sicht auf das Thema Bildung:
Nicolas:
- Neues auszuprobieren, braucht Mut.
- Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Interessierte Personen müssen Zugang zu klaren und verständlichen Informationen haben.
- Fachpersonen sollen gut erklären und Dinge zeigen, damit man es besser versteht.
- Alles soll in leichter Sprache und ohne Barrieren sein – damit alle überall mitmachen und teilhaben können.
- Wenn es nur um Integration statt echter Inklusion geht, begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderungen oft nicht – Sonderschulen verstärken diese Trennung zusätzlich.
Basil:
- Wenn man immer wieder gesagt bekommt, dass man etwas nicht kann, beginnt man es irgendwann selbst zu glauben – und verliert den Mut, es überhaupt zu versuchen.
- Vielleicht passiert aber auch das Gegenteil, und die Einstellung ändert sich zu «Jetzt erst recht!». So war es bei mir. Ich wollte unbedingt alleine wohnen und habe es trotz Abraten geschafft.
- Es gibt noch viele Vorurteile – dabei braucht es echte Chancengleichheit. Wer sich zum Beispiel für eine Weiterbildung in Fotografie interessiert, sollte die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen – unabhängig von einer Behinderung.
Mit dem Abschluss des dritten Workshops ist die Arbeit nicht erledigt. In einem nächsten Schritt werden die geäusserten Wünsche und Anregungen in der Geschäftsleitung der Valida diskutiert und wo möglich umgesetzt. Auch werden die Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter das dazu gewonnene Wissen ihren Kolleginnen und Kollegen näherbringen. Auch haben die Vertreterinnen und Vertreter des offenen Ohrs viele Ideen, das Thema noch bekannter zu machen und Massnahmen aktiv umzusetzen. Mit Videos, Social Media, Websiten-Beiträge, Beiwohnen von verschiedenen Sitzungen wie zum Beispiel von der Geschäftsleitung oder von INSOS oder von anderen Selbstvertretungs-Gruppen aber auch die Integration des Themas in den Ausbildungsweg sind nur ein paar Ideen, das Thema voranzutreiben.
Weitere Infos zum Projekt SEGEL