07.06.2025 – Inklusion
Das Daheim hat viele Gesichter
In der Behindertenpolitik ist einiges im Umbruch – beim Bund und beim Kanton. Die Valida probt auf kantonaler Ebene bereits die Änderungen, die das neue Behindertengesetz (BehG) bringen wird. Bereits vor zehn Jahren entwickelte die Valida Angebote für das selbstständige Wohnen und sammelte so wertvolle Erfahrungen. Die Entwicklung ist klar: Vom Doppelzimmer zur eigenen Wohnung. Stand früher ein Rundum-Service beim Wohnangebot im Fokus, sind es heute Wahlfreiheit und Selbstbestimmung.
«Der Röbeli macht aber nicht zu viel Arbeit, oder?» Diesen Satz hat Daniel Derungs noch heute in den Ohren. Seit bald 23 Jahren arbeitet er im Bereich Wohnen bei der Valida, zu Beginn als Gruppenleiter im Wohnheim an der Zwyssigstrasse. Heute leitet er den Bereich Wohnen mit Assistenz. Gesagt hat ihn damals eine 80-jährige Mutter und mit «Röbeli» meine sie ihren 60-jährigen Sohn. Der Satz steht sinnbildlich dafür, was sich in den vergangen zwei Jahrzehnten in Bezug auf den Wohnbereich am stärksten verändert hat: die Wahrnehmung – extern bei Bewohnenden und ihren Angehörigen und intern bei den Begleitpersonen. «Früher lebten die Bewohnenden unter der Woche von Montag bis Freitag in der Valida, am Wochenende gingen sie nach Hause», erzählt Daniel Derungs. «Heute ist die Valida das Zuhause. Es geht ums Daheimsein, nicht ums Versorgtsein.» Im Doppelzimmer mit zur Verfügung gestelltem Mobiliar zu wohnen, daran ist heute nicht mehr zu denken. Selbstverständlich gestaltet jede und jeder ihr oder sein Zimmer nach den eigenen Wünschen und mit eigenen Möbeln.
Ein Dienstleistungspaket rund um die Bewohnenden
Mit der Wahrnehmung haben sich auch die Ansprüche und die Erwartungen gewandelt. Das ab den 1980ern rundum geschätzte Versorgungspaket für Bewohnende ist heute nicht mehr zeitgemäss. «Die Betreuungsperson stellt den Kühlschrank nicht mehr wie früher bereit. Vielmehr geht es darum, diesen selbstständig zu füllen. Zu merken, dass er gefüllt werden muss. Zu überlegen, welche Schritte dazu nötig sind, was gebraucht wird, worauf man Hunger hat – und es umzusetzen», erklärt Daniel Derungs. Dies passiert immer in der richtigen Balance an Unterstützung und Eigenleistung. «Für uns war früh klar, dass wir den Bewohnenden Selbstständigkeit zurückgeben müssen: lernen, Erfahrungen machen, Verantwortung übernehmen.»
«Es geht ums Daheimsein, nicht ums Versorgtsein. Früher lebten die Bewohnenden unter der Woche in der Valida, am Wochenende gingen sie nach Hause. Heute ist die Valida das Zuhause.»
Bedürfnisse sind individuell
Als Daniel Derungs zusammen mit Doris Schweizer, Leiterin Wohnen, vor zehn Jahren damit begann, die Wohnangebote weiterzuentwickeln, gingen sie davon aus, dass es dereinst gar kein Wohnheim mehr geben würde. Heute glaubt er das nicht mehr. «Es wird immer Bewohnende geben, die ein selbstständigeres Wohnen nicht wollen.» Er plädiert daher dafür, dass man die Wohnformen nicht wertet. «Jede und jeder von uns hat andere Vorstellungen, was ein besseres Wohnen ausmacht. Ob allein, in der Wohngemeinschaft, in der Stadt oder auf dem Land, wir alle haben andere Bedürfnisse.» Menschen liessen sich nicht einfach in ein Konzept pressen. Vielmehr geht es darum, die Kriterien für selbstständigeres Wohnen zu hinterfragen. Füllten sie vor einigen Jahren noch mehrere A4-Seiten, sind es heute nur noch zwei Kriterien: Hilfe rufen können und verbindlich da sein, wenn die Wohnbegleitung kommt. Insbesondere Begleitpersonen mussten sich neu organisieren und die Abläufe anpassen – und vor allem lernen, loszulassen. Nicht wenige Male habe ihn die Frage umgetrieben, ob ein Bewohner den Herd wirklich ausgeschaltet habe, erzählt Daniel Derungs.
Was bringt die Zukunft?
Die anstehenden gesetzlichen Änderungen werden den Wohnbereich verändern. Seit 2022 wirkt die Valida beim Pilotprojekt «WUP – Wohnen mit Unterstützungsplan» aktiv mit. Damit testet der Kanton St.Gallen derzeit Änderungen, die er ab 2027 mit dem revidierten BehG einführen will. Mehrere Arbeitsgruppen befassen sich mit Fragen zu den internen Abläufen, zum Beispiel, wenn jemand ausserhalb des Quartiers wohnen will, oder zur Teamorganisation. Wie soll es zusammengesetzt sein? Welche Kompetenzen braucht es vielleicht zusätzlich? Das Ziel ist: Menschen mit Beeinträchtigung wählen selbstbestimmt, wie, wo und mit wem sie wohnen. Dazu erhalten sie die individuelle Unterstützung, die sie brauchen – so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Und auch für die Valida ist klar: Heute und in Zukunft möchten wir ein attraktives Wohnangebot für alle bieten. Auch hier gilt unser Leitsatz: «Innen stärken, aussen wachsen». Wir wollen mehr Menschen im selbstständigen Wohnen begleiten und gleichzeitig die bestehenden Angebote weiterführen und weiterentwickeln.»
«Die Valida beteiligte sich an der Vernehmlassung zur BehG-Revision. Die Stossrichtung stimmt, wir begrüssen die Einführung dieser Wohnform. Es gibt aber wichtige Punkte, die noch im Widerspruch zu der in der UNO-Behindertenrechtskonvention festgelegten Wahlfreiheit stehen. Hier erwarten wir, dass diese Punkte in Zusammenarbeit mit den Leistungsnutzenden und den Leistungsanbietenden optimiert werden.»